Frühgeschichte
Die ersten Einwohner Mecklenburgs
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Nach Fritz
Reuter waren die "irsten Inwahners in Meckelnborg de Poggen".
Als Beweis führte er den Zustand der Landstraßen im Frühjahr
und Herbst an. "In so`ne Mehlsupp von Land un Water kann kein
anderes Veih assistieren as de Poggen." Nach dem Sprichwort "wo
Frösche sind, finden sich auch Störche", hatte Reuter
damit auch die zweiten Einwohner entdeckt.
Viel früher allerdings berichteten schon Sagen von den Riesen,
den Hünen, als den ersten Einwohnern. Nur sie konnten in der
Vorstellung der späteren Einwohner die großen Steine übereinander
getürmt und die "Hünengräber" errichtet haben.
Diese sind tatsächlich die ältesten Bauwerke Mecklenburg-Vorpommerns.
Aber sie wurden nicht von den Riesen gebaut, und auch nicht von den
Menschen, die als erste diese Gegend als Jäger, Fischer und Samm-ler
auf der Suche nach Nahrung durchstreiften. Mit dem Übergang zu
Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit (Neolithikum) vollzog
sich hier vor etwa 5.000 Jahren eine tiefgreifende Veränderung
in der Lebensweise der Men-schen. Mußte der Mesolithiker dem
Wild nachziehen und sich dessen Gewohnheiten anpassen, wurde der Neolithi-ker
als Bauer und Viehhalter seßhaft. Er erschloß sich dauerhaft
größere Siedlungsräume, denn er produzierte durch
das Domesti-zieren von Pflanzen und Tieren Nahrungsmittel für
sich und häufig auch für den Austausch. Der Neoli-thiker
mit seinem steigenden geistigen und hand-werklichen Leistungsvermögen
verfeinerte die Technik der Werk-zeugherstellung und ermög-lichte
über Ackerbau und Viehhaltung eine abwechslungsreichere und ausreichende
Ernährung. Die Bevölkerung wuchs. Es entstanden Fernhandelswege,
auf denen z.B. auch Feuerstein, Bernstein oder Salz quer durch Europa
gehandelt wurden. Die um die westliche Ostsee herum lange Zeit hergestellte
und benutzte typische Tongefäßform, der Trichterbecher,
gab dieser Kulturform auch in Mecklenburg den Namen.
Abseits an Seen und auf Inseln lebten aber auch weiterhin bis zum
Ende der Jungsteinzeit Bevölkerungsgruppen von Jagd, Fischfang
und Sammeln.
Die Trichterbecherleute waren die ersten Bewohner Mecklenburgs, die
über Ackerbau und Viehhaltung direkt auf Natur und Landschaft
einwirkten und die landschaftsprägende Bau-werke errichteten.
Sie sind die Erbauer der Großsteingräber. Etwa 300 der
Bauwerke überdauerten in Mecklenburg-Vorpommern die Jahrtausende
bis in unsere Tage. Das Material für die Bauten hatte die Eiszeit
hinterlassen: Felsgeröll aus Skandinavien. Aus den großen,
teilweise bis zu 300 Zentner schweren Steinen, entstand in Gemeinschaftsarbeit
der Sippe der Dolmen (dol - Tisch, men - Stein) als oberirdischer
Grabbau. Der Urdolmen besteht aus vier aufrecht stehenden Trägersteinen
und einem oben aufliegenden Deckstein. Später folgten größere
Bauwerke mit weiteren Trägersteinen und zwei, drei oder mehr
Decksteinen, erweiterte Dolmen und Ganggräber. Der Zwischenraum
zwischen den aufrecht stehenden Steinen wurde mit kleinerem Gestein
zur Trockenmauer aufgefüllt und das Bauwerk meist mit Erde zu
einem runden oder ovalen Hügel aufgeschüttet. Häufig
markieren um die Hügel gelegte Steinkreise oder einzelne Steine
(Menhire) als "Wächter" die geheiligte Stätten
der Ahnen.
Die Großstein - oder Megalithgräber wurden etwa 1000 Jahre
lang, auch in anderen über die ganze Erde verstreuten megalithischen
Kulturkreisen, in verschiedenen Formen gebaut und noch länger
genutzt. Dann gerieten sie in Ver-gessenheit. So kam es, daß
auch ihre Botschaft aus unserem Gedächtnis gelöscht wurde
und sie uns heute ihre letz-ten Geheimnisse bisher nicht völlig
preisgeben.
Volker Wolfram aus Rostocker Wulfshagen schrieb zu diesem letzten
Satz: "Diese Bauten aus alten Zeiten sind ein faszinierendes
Stück Weltkultur...Mir scheint, daß ein wesentliches Kriterium
bisher nicht genügend beachtet wur-de: der ästhetische Aspekt.
Versucht man, die Steinsetzungen im Zusammenhang mit dem Geländeprofil
zu sehen (Horizontlinie, Talverlauf, Erhebungen, Sonnenstand), so
fällt auf, daß es keine Zufälligkeiten gibt, hier
lag jeweils ein klares tektonisches Konzept zugrunde. Mir scheint
weiterhin, daß die Abstände zwischen den Steinen in Zu-sammenhang
mit den Konturen exakt festgelegt wurden, vergleichbar, wie ein Schriftgestalter
die Abstände zwischen den Buchstaben bemißt oder wie ein
Henry Moore seine Skulpturen setzte. Die Lässigkeit, mit der
die Deck-steine mit nur wenigen Berührungspunkten ´schweben´,
ist gewollt und findet Analogien in der Kunst unserer Tage.
Auch glaube ich, daß bei der Planung der Anlagen ein rechnerischer
Rhythmus zugrunde liegt...Aus meiner Sicht besteht das ´Geheimnis´
darin, daß sich hier ein feines Empfinden der Erbauer dokumentiert.
Hier markiert eine bemerkenswerte Menschengemeinschaft ihr Lebensgefühl."
Auch die gelegentlich zumindest räumlich den Großsteingräbern
nahe stehenden Steinkreise, harren noch immer allerletzter Erklärungen.
Vielleicht kommt man auch hier eines Tages zu neuen Einsichten, indem
möglichen Grün-den für Gestaltungsprinzipien nachgespürt
wird.
Die bedeutendste Anlage dieser Art ist der sogenannte "Boitiner
Steintanz", der aus drei dicht beieinander stehenden Steinkreisen
und einem 140 m südöstlich liegenden Steinkreis besteht.
Der Sage nach ist es eine verwunschene Hochzeitsgesellschaft aus Dreetz,
die hier tanzte, aus Übermut mit den Broten und Würsten
zu kegeln anfing und nicht auf die mahnenden Worte eines alten Mannes
hörte. Zur Strafe wurde sie in Steine verwandelt. Ein neugieriger
Schäfer mit seiner Herde gleich mit, weil er trotz der Warnung
nach hinten blickte. Er bildet mit seiner Herde den vierten Kreis.
Vom Spornitzer Steinkreis wird eine ähnliche Sage erzählt.
Viele Generationen von Forschern haben sich mit den Steinkreisen bereits
Die Schularchäologie sieht in den Steinkreisen, so auch in der
Boitiner Anlage, wegen einzelner Urnenfunde "aus-schließlich"
Begräbnisstätten der Germanen der vorrömischen Eisenzeit
(das wäre seit etwa 600 v.Z.). Abgesehen davon, daß es
ein "ausschließlich" in der geschichtlichen Interpretation
wohl gar nicht gibt, ist es auch wenig über-zeugend, allein von
einer Grabanlage zu sprechen, wenn nur in einem von vier Kreisen eine
Urne gefunden worden ist.
Wenn der Altmeister der mecklenburgischen Kulturgeschichtsforschung,
Friedrich Schlie, in den Boitiner Kreisen einen jungsteinzeitlichen
Opferplatz sah, weil er die umliegenden Großsteingräber
in seine Erwägungen einschloß, zog er den Kreis schon weiter.
Werner Timm versuchte 1928 (Mecklenburgische Monatshefte, beeinflußt
von der Archäoastrologie, versucht, die Anlage komplex zu betrachten.
Er sah sie nicht nur als steinzeitliche Sternwarte. Er beschreibt
die englischen For-schungen über die Steinkalender Stonehenge
und Avebury sowie den von Odry an der früheren Grenze zwischen
Pommern und Westpreußen und untersuchte die Gestaltungsprinzipien
der Boitiner Kreise genauer. Auf Grund seiner gemeinsam mit dem Vermessungsamt
in Bützow vorgenommenen Untersuchungen kam er zu folgenden Überlegungen:
"Wie steht nun der mecklenburgische Steintanz in der Reihe der
anderen Steinkalender? Gehört er zu ihnen, oder steht er außerhalb
als bloßes Grabdenkmal, halb ein Produkt des Zufalls? Er gehört
zu ihnen...Das astronomisch Wichtigste der Anlage...steht einwandfrei
fest, nämlich die Festlegung der 13 Monde und der 365 1/4 Tage
des Jahres und der Wintersonnenwende als Jahresanfang. Die Vermarkung
der Tag- und Nachtgleichen und der Mit-tagslinie ist bei Existenz
der Beobachtungskanzeln mehr als wahrscheinlich."
Timm stützt seine Auffassungen durch die vorgenommenen trigonometrischen
Vermessungen und Berechnungen. Ferner fanden die Vermesser heraus,
daß die Mittelpunkte der Kreise I und II sowie II und III je
4 Ur - Ruten, I und III 6 Ur - Ruten sowie III und IV 30 Ur - Ruten
voneinander entfernt liegen. Diese Ur - Rute ermittelte Timm als 16
Fuß zu 0,2924 cm. Das noch in den zwanziger Jahren in Norddeutschland
gebräuchliche Fußmaß wich davon lediglich 0,14 cm
(Mecklenburg) bis 0,03 cm (Hannover) ab. Aber auch den Faden (6 Fuß)
ermittelte Timm aus den Entfernungen und zog die Schlußfolgerung,
daß beide Maße in den Steinkreisen "geeicht"
werden konnten. Die letzte zusammengefaßte Darstellung zum Boitiner
Steinkreis verfaßte Andreas Müller aus Niederbobritzsch
1988. Die von ihm und Peter Hertel (Tharandt) vorgenommenen Untersuchungen
lösten zwar das Rätsel nicht, bestätigten aber die
früheren Feststellungen, daß die Anlage "nach geometrischen
Gesichtspunkten errichtet wurde. Eine über den ursprünglichen
Zweck - offenbar Grab- und Totenkult hinausgehende Nutzung ist nicht
auszuschließen."
Vielleicht kommen wir der Sache näher, wenn wir einer Anlage,
die vor 3000 Jahren (oder mehr ?) mit viel Auf-wand und Mühe
errichtet wurde,zu deren Aufbau viele Generationen Erfahrung erforderlich
war, mit großer Wahr-scheinlichkeit auch den Mittelpunkt kultischer
Handlungen bildete. Deren Träger waren Priester. Sie ermittelten
wahrscheinlich durch die Beobachtung des Sonnen (und Mond-)standes
den Fortgang des Jahres mit Hilfe der Stein-setzungen, kündigten
die Festtage an (die "festen Tage"), wie die Wintersonnenwende
als das Fest der wiederkeh-renden Sonne, das Fest zu Ehren der Fruchtbarkeit
spendenden Erdgöttin Nerthus, der auch noch die Suardonen hier
in Mecklenburg zum Vollmond nach der Frühlings - Tag - und -
Nacht - Gleiche huldigten, die Sommersonnenwen-de als Fest zur Verabschiedung
der Sonne, die Herbst - Tag - und - Nacht - Gleiche als Festzeit für
den Dank an die Götter für die Ernte. Alle Feste waren seit
den ältesten Zeiten bis in die Germanenzeit hinein mit Ritualen,
Opfern und sicher auch frohem Feiern verbunden. Das eigentlich Wichtige
war, daß die Priester voraussagen konnten, wann welches Festtag
lag, denn er markierte vor allem die Abschnitte im landwirtschaftlichen
Arbeitsjahr. An ihre richtige Bestimmung waren Erfolg in Ackerbau
und Viehzucht geknüpft und davon hing jetzt das Leben ab.
Solche bedeutenden Stätten waren sicher noch Kultplätze,
als sie ihre Kalenderfunktion längst verloren hatten.
Für Mecklenburg und Vorpommern wird davon ausgegangen, daß
sich die Bevölkerung bis hin zur Ausbildung der germanischen
Völker ethnisch ohne Brüche und äußere Einwirkungen
entwickelt hat. So sind wohl auch die alten heiligen Stätten
über eine lange Kette von Generationen für kultische Rituale,
Gerichtsverhandlungen und wichtige Versammlungen genutzt worden. Und
so wie später bedeutende christliche Fürsten und Priester
in Kirchen, den heiligen Stätten der christlichen Völker
beigesetzt wurden (ohne daß diese deshalb "ausschließlich"
Begräbnisstätten sind), wird es bei den vorchristlichen
Germanen schon gewesen sein. Die heiligen Stätten wären
in diesem Falle die Orte, die entweder schon in alten Zeiten oder
erst im Verlaufe der Bronzezeit mit Steinkreisen markiert wurden.
Wenn die Anfänge der Steinkreise in der Jungsteinzeit liegen
sollten, wie Friedrich Schlie vermutete, so führen sie uns aber
doch über zweitausend Jahre hinweg in die nächsten Stufen
der mecklenburgischen Frühgeschichte, von denen ansonsten nur
wenig gegenständlich wahrgenommen wird. Wie die christlichen
sakralen Bauten vielen Gene-rationen dienen, ohne nach dem geschichtlichen
Datum zu fragen, so werden es auch die vorchristlichen heiligen Stätten
getan haben. Als die Germanen aus manchen Gebieten Mecklenburgs völlig
abwanderten, verschwand mit ihnen die Erinnerung an die heiligen Stätten
und der Wald überwucherte sie. Als die Nachfahren der Germanen,
die Sachsen und Westfalen, 1000 Jahre später vor den Kreisen
standen, wußten sie damit genau so wenig anzufangen, wie wir
heute.
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Verborgene
Schätze
In der Nähe des Dorfes Peckatel bei Schwerin stehen drei kegelförmige
Hügel, ein kleiner und zwei größere. Von dem einen,
dem Rummelsberg, erzählten sich die Leute in früheren Zeiten,
daß darin die Unterirdischen wohnten. Mitunter, so hieß
es, tafelten sie auf dem Berge. Dazu brachten sie einen Kessel und
Tafelgeschirr aus den Hügeln mit nach oben. Einmal sah ein Junge
aus Peckatel die gedeckte Tafel und nahm ein Messer davon mit. Nun
konnte die Tafel nicht mehr in den Hügeln verschwinden. Als der
Junge nach Hause kam, sah sein Vater das kostbare Mes-ser und fragte
nach der Herkunft. Der Sohn erzählte es ihm. Der Vater schalt
ihn, er solle das Messer sofort zurück-tragen. Sobald dies geschehen
war, verschwand die Tafel und kam nicht wieder zum Vorschein.
Als man aber im Jahre 1843 im mittleren der Hügel nach Altertümern
forschte, fand sich ein Bronzekessel auf einem Fußgestell mit
Rädern. Zwei Jahre später wurden im Rummelsberg ein aus
Feldsteinen aufgeschichteter Tisch, ne-ben dem ein großer Kessel
aus gebranntem Ton eingemauert war, entdeckt. War die Sage Zufall
oder widerspiegelt sie - ganz anders als bei den Steinkreisen - die
Reste des Wissens um einen alten Totenkult ?
Die Funde aus Bronze entstammen einer Zeit, die vor etwa 3.700 Jahren
begann, als in das Gebiet der Trichterbe-cherleute von Norden her
Viehzüchterstämme, die Schnurkeramiker, einwanderten. Sie
erwarben im Tausch vor allem gegen Vieh, Felle und Wolle Kupfer- und
Bronzegegenstände aus keltischen Werkstätten.
200 Jahre später gab es hier eigene Werkstätten, die die
importierten Roh-stoffe Kupfer und Zinn oder zu Bruch gegangene Bronzen
einschmolzen und in kunstvoll gestaltete Formen gossen. Im Warnow-,
Nebel- und Eldegebiet entwickelte sich eine eigenständige "mecklenburgische
Kulturprovinz" mit besonderen Werkzeug- und Waffenfor-men. Die
Menschen kamen zu er-heblichem Wohlstand. Sie hatten genügend
Vieh und Felle und sicher auch den seit altersher bis nach Ägypten
hin begehrten Bernstein zum Tausch.
Der wachsende Wohlstand zeigte sich an der sozialen Differenzierung,
die z.B. der Totenkult widerspiegelt. Die Schnurkeramiker gingen dazu
über, ihre Toten festlich bekleidet und reich ausgestattet in
Baum-särge zu legen, diese mit Feldsteinen einzupacken und darüber
kleine oder große Hügel auf-zuschütten. Sie gaben
ihnen Dinge mit, die ihrer Vorstellung nach die Seele für die
Reise und das Leben im Jenseits brauchte. Dazu zählten auch Kessel
und Opfertische.
So begann die Zeit der Hügelgräber. Wie die Großsteingräber
stehen auch heute noch - landschaftsmit-gestaltend - die Hügelgräber
häufig in Gruppen in der offenen Feldflur oder verborgen in Wäldern.
Weit über 2.000 sind bekannt.
In den Märchen wurden viele der geheimnisvollen Hügel wie
auch einige Großsteingräber zum Wohnsitz der Un-terirdischen,
der Zwerge, die hier verborgene Schätze behüteten.
Wie die Sagen berichten, überforderten aber die gestrengen Schweigegebote
bei der Suche und Bergung der Schätze selbst die als verschlossen
und schweigsam geltenden Mecklenburger. So ist es wohl auch nur sehr
wenigen gelungen, mit ausgegrabenen Schätzen reich zu werden.
Die Neugier und Zudringlichkeit der Menschen, wie die des kleinen
Jungen aus Peckatel und die lauten Kir-chenglocken, so heißt
es, vertrieben die "Unnerirdischen" schließlich. Zumindest
hat man lange keine mehr gesehen.
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