Mecklenburgs Landschaft

"...sein ganzes Land besteht aus Wiesen, Dickicht und Morast", so beschrieb Ibrahim Ibn Jakub vor rund tausend Jahren das Land des obotritischen Fürsten Nakon. Das ist die erste bekannte Beschreibung des späteren Mecklenburg. Das Jahrtausend, das uns von diesem fernen Bericht trennt, hat der Landschaft wie die Jahrtausende davor durch eine wechselvolle Geschichte seinen Stempel aufgedrückt.
Gemessen an der Erdgeschichte ist Mecklenburg eine junge Landschaft. Ihr Relief erhielt im wahrsten Sinne des Wortes den letzten Schliff durch die Gletscher in den Eiszeiten. Dabei wurde von Südwesten nach Nordosten die Oberfläche in den verschiedenen Stadien des Heranschiebens und des Abschmelzens der Gletscher Meter um Meter gleichsam modelliert.
Bei dem mecklenburgischen Schriftsteller Fritz Reuter verlief diese Entwicklung allerdings ganz anders. Bei ihm war Mecklenburg nicht als eine der letzten heutigen Landschaften entstanden, sondern "as uns' Herrgott de Welt erschaffen ded, fung hei bi Meckelnborg an". Und - auch wieder anders herum - "tworsten von de Ostseesid her". Die Schwierigkeiten, die der Herrgott in der Reuterschen Schöpfungsgeschichte mit den Engeln als Helfer hatte, weil sie es ihm nicht gut genug machten, sondern sie "mudelten wat taurecht", führten aber zu dem, was die Landschaft Mecklenburg eigentlich erst so interessant macht - zu ihrer Vielfalt.

Mecklenburg - das ist die Meeresküste an der Ostsee mit den alten Hansestädten und ihren Häfen, mit den Fischerbooten, Werften und Badestränden; Mecklenburg, das sind die weitläufigen, ruhigen Urstromtäler Warnow und Recknitz mit sumpfigen Flußauen und den sie säumenden bewaldeten sanften Höhen; das sind hunderte Seen, Tausende Sölle, weit verzweigte Flüsse, Bäche und Moore; Mecklenburg, das sind Wälder auf Endmoränenhöhenzügen und offene Feldlandschaften oder Heidewälder auf welligen Grundmoränen. Mecklenburg, das sind auch die Spuren des vier Jahrtausende währenden Wirkens der Menschen in der Natur. Die Landschaft Mecklenburg, die wir heute durchwandern, ist durch Natur und Mensch gleichermaßen geformt, das in den Jahrtausenden Gestalt Gewordene ist überall gegenwärtig und gleichzeitig erlebbar.

Im Südosten begegnet man den ältesten Formen. Die Grundmoränenplatten südlich von Ludwigslust und Parchim und die Endmoränen wie der Sonnenberg bei Parchim und die Ruhner Berge sind Hinterlassenschaft der älteren Kaltzeiten. Das Elbtal bildete sich damals als Urstromtal, in das auch Elde, Löcknitz und Stepenitz Schmelzwasser abführten, wenn die Gletscher schmolzen. Diese Flüsse gliedern auch heute noch diese alteiszeitliche, seenlose Landschaft mit ihren meist bewaldeten Binnendünen. Landschaftlich empfängt der teils kuppige, teils ganz flache Südwesten heute seinen Reiz aus dem Wechsel von Kieferheidewäldern, Mischwäldern und Baumgruppen, Auen und Feldern, überzogen von einem Netz gerader Wege und Straßen, durchschnitten von vielen Kanälen und Gräben. Hier findet der Wanderer Heide, Wald, Moor und vielgestaltige Gewässer dicht beieinander. Die dünne Besiedlung verschafft Ruhe und Entspannung abseits der großen Straßen. Flüsse wie Boize, Schilde, Sude, Elde und Rögnitz fließen stellenweise in flach eingeschnittenen Tälern, von bewaldeten Hängen besäumt.
Als sich die Schmelzwässer ihren Weg ins Elbe - Urstromtal bahnten, wurde der vorher schon in der Lewitzwanne abgelagerte Sand dabei großflächig in die "Griese Gegend" hinausgespült. In Tälern und Rinnen blieb Wasser zu-rück. In den Niederungen bildeten sich daraus häufig Niedermoore mit sumpfigem Bruchwald, und in den höheren Lagen begannen sich urwald-ähnliche Eichen - Buchen - Mischwälder auszubreiten. Wo sich hier dann Wasser staute, entstanden Hochmoore wie das Laaver Moor.

Vor 25.000 Jahren etwa begann die Weichselkaltzeit. Sie gab dem übrigen Gebiet durch wechselnden Vorstoß und Rückzug der Gletscher im Verlaufe von etwa 10.000 Jahren sein heutiges Relief. Deutlich zu erkennen ist die südli-che Endmoräne, auch "Äußere Baltische Hauptendmoräne" genannt. Sie verläuft vom Schaalsee über die Südspitze des Schweriner Sees und Südende des Plauer Sees in Richtung Rheinsberg / Gransee. Als die Gletscher an dieser Randlage abschmolzen, floß das Wasser ins Elbtal ab. Im nachfolgenden Wechsel von kurzzeitigem Vorrücken und Abschmelzen der Gletscher entstand durch Ausschabungen und Hohlraumbildungen nordöstlich dieser Linie eine abwechslungsreiche Seenlandschaft - die Mecklenburgische Seenplatte.

Vor 18.000 Jahren, mit dem Pommerschen Stadium der Weichsel - Kaltzeit, bildete sich neben Stauchmoränen die kies - und blockreiche nördliche Endmoräne oder "Innere Baltische Hauptendmoräne". Sie verläuft vom Klützer Winkel südwärts an Wismar vorbei, macht dann einen Bogen nordwärts durch die Landschaft um Kirch - Mulsow, wendet sich wieder nach Süden in Richtung Waren und Woldegk. Gletscherzungen zerfurchten bei neuerlichen Vorstößen die Ablagerungen und hinterließen tiefe Becken, wie das Warnowtal südwestlich von Bützow, das Malchiner, Kummerower, Teterower, Tollense - und Ückerbecken.
Mit dem Rückzug der Gletscher weiter nach Norden entstand neben dem Schmelzwasserabflußnetz im Süden ein zweites zwischen Tribsees, Demmin und Anklam, das in die Ostsee mündet. Es gliedert noch heute die Grundmoränenlandschaft der vorpommerschen Talzone, während seitdem mitten durch Mecklenburg von Nordwest nach Südost die Ostsee - Nordsee - Wasserscheide verläuft. Nördlich fließen alle Bäche und Flüsse in die Ostsee, südlich in die Elbe und schließlich in die Nordsee. Charakteristisch für die leicht wellige nördliche Grund-moränenlandschaft sind die Oser, einst in Spalten und Tunneln der Toteisfelder abgelagerte Sande und Kiese der Schmelzwässer.
Nach dem Rückzug des Eises aus unserem Gebiet, beginnend vor etwa 16.000 Jahren, war die Oberflächenstruktur mit Hügeln, Tälern, Seen und Flüssen weitgehend geprägt. Tote Sand-, Kies- und Geröllberge hatten die Gletscher als Ablagerungen hinterlassen. Hier und da waren ältere geologische Schichten wie Kreide, Tone, Kiese aus frühe-ren Überflutungsstadien freigelegt oder durch Bewegungen der Erdoberfläche nach oben geschoben worden. Zu Tausenden schmolzen noch verschüttete Eisblöcke und führten später zur Bildung von offenen Hohlräumen oder der Sölle.
Nördlich von Rügen sammelten sich die Schmelzwasser. Es begann das nacheiszeitliche Yoldia - Stadium der Ost-see. Durch die Überflutung der Mittelschwedischen Senke kam es zwischen diesem abgestauten See und dem Weltmeer vor etwa 10.000 Jahren zu einer Verbindung - es entstand ein salzhaltiges Meer, in dem bei polar - kaltem Klima Eisberge schwammen. Mecklenburg war Tundra. Erste Kieferngewächse breiteten sich aus. Mammute und Wollnashörner, Rentiere, Riesenhirsche und Höhlenbären fanden hier eine letzte Zuflucht. Ihnen folgten die Großwildjäger, die in einzelnen Gruppen in dem Gebiet bis nach Südschweden umherzogen.

1.000 bis 2.000 Jahre später hob sich das nördliche Ostseegebiet. Die Verbindung zum Weltmeer wurde unterbro-chen und die Süßwasserzuflüsse verwandelten das Yoldia - Meer in den Süßwasser - Ancylussee. Die Temperaturen stiegen, und außer der Kiefer verbreitete sich auch die Haselnuß. Allmählich wuchsen Eichenmischwälder heran. Die Menschen, Träger der mittelsteinzeitlichen Maglemose - Kultur, durchstreiften als Jäger, Sammler und Fischer regelmäßig das Land. Sie errichteten ihre Zelte an der Meeresküste, an Binnengewässern, in Niederungen und Talsandterrassen, z.B. am Schweriner See, am Dobbertiner See, bei Dummerstorf, Kobrow oder Cammin. Die Maglemose - Leute jagten in der Umgebung ihres Wohnplatzes Rehe und Rothirsche, aber auch Braunbären, Ur und Elch. Seltener gelang es ihnen, Flugwild mit Pfeil und Bogen zu erlegen. Die Frauen sammelten Früchte und Beeren. Die Fischer fingen mit Vorliebe Hechte.
Die steigenden Temperaturen ließen das Eis weiter schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen. In vielen Teilen der Welt, so auch an der Küste des Ancylussees, führte das zu großflächigen Überschwemmungen. Im Zusammenwirken mit Bewegungen der Erdoberfläche überflutete das Meer Norddänemark und unterbrach die Landbrücke Dänemark - Skandinavien. Der Ancylussee erhielt Salzwasserzufluß. Das weiter ansteigende Meerwasser überflutete die küstennahen Ebenen und die Auwiesen der Urstromtäler. Auch Rast- und Wohnplätze der Maglemose - Leute wurden dabei überschwemmt. Es entstand das Litorina - Meer mit neuen Buchten und vorgelagerten Inseln an den Küsten.

Auf dem Höhepunkt des feuchtwarmen Klimas vor rund 6.000 Jahren begannen die auch heute noch anhaltenden Verlandungsprozesse in den überfluteten Ebenen und Flußtälern, in den Seen und Söllen. Es entstanden ausgedehnte Sümpfe. Auf den höher gelegenen Flächen breiteten sich die Eichenmischwälder immer weiter aus. Das Land war durch fischreiche Gewässer gegliedert und mit wildreichem Wald bedeckt. Träger der Ertebölle - Kultur - Jäger, Sammler und Fischer der ausgehenden mittleren Steinzeit - siedelten an der Küste und an den Ufern der Gewässer, z.B. bei Dändorf auf dem Fischland und an der Müritz. Gebaut wurden schon festere Hütten aus Holz, Ästen und Fellen, vielleicht auch auf Pfählen, weil die Transgression des Meeres immer wieder zu Überschwemmungen führte. Wie schon zuvor wird immer wieder der eine oder andere Siedlungsplatz im Schlick versunken sein. Was die Ertebölle - Leute außer an Fellen, Knochen und Fischgräten an Rohstoffen brauchten, wie verschiedene Gesteine und Holz, fanden sie reichlich vor. Vielleicht waren sie es auch, die mit Einbäumen die Müritz befuhren.
Das Ansteigen des Wasserspiegels des Litorina - Meeres kam vor etwa 4.500 Jahren zum Stillstand. Nach weiteren 500 Jahren begann ein etwa zweieinhalb Jahrtausende währender Rückgang des Meeres im Lymnaea - Stadium der Ostsee. Kontinentales Klima löste das feucht-warme ozeanische Klima allmählich ab. Neben Kiefer, Eiche und Birke wurde jetzt auch die Fichte heimisch. Die Buche liebt nährstoffreicheren Boden und breitete sich langsamer aus.
In eben diesem Jahrtausend, vor 5.000 Jahren beginnend, vollzog sich unter süd- und westeuropäischem Einfluß bei den in den Gebieten an der westlichen Ostsee lebenden Menschen der Übergang zum Neolithikum (Jungsteinzeit). Jetzt wurden erstmalig Menschen für lange Zeit in Mecklenburg seßhaft.

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