Klaus Störtebeker lebt in den Herzen der Menschen
Fotos von der Greifvogelschau | "Verraten und verkauft"

Seit dem 23. Juni und noch bis zum 8. September erlebten und erleben die Fans von Klaus Störtebeker am Großen Jasmunder Bodden in Ralswiek auf der Insel Rügen ein grandioses Schauspiel mit mehr als 120 Mitwirkenden, vier nachgebauten Koggen, 30 Pferden vielen Spezialeffekten. Vorneweg eine Adlerschau vom Feinsten, es werden die Adler, Falken und Bussarde im freien Flug gezeigt, und hinterher ein Feuerwerk, das sich im Wasser widerspiegelt. Mehr geht nicht. Montags bis Samstags läuft dazwischen ab 20.00 Uhr ein Theaterspektakel über das Leben des Störtebekers und der anderen Freibeuter in Ost- und Nordsee an, 2007 unter dem Titel „VERRATEN UND VERKAUFT“. Es ist die 15. Geschichte seit der Wiederaufnahme der Störtebeker Festspiele im Jahre 1993. Und in diesem Sommer kam der viermillionste Besucher auf die größte deutsche Insel.

In der Story „Verraten und Verkauf“ wird das Jahr 1379 geschrieben. Es sind harte Zeiten, besonders in Mecklenburg und in Vorpommern. Mancher Freigeist lehnt sich gegen Unterstückung, Ausbeutung und Vertreibung auf. So auch der Mönch Bruder Thomasius (gespielt von Robert Glatzeder), der vom abgebrannten Kloster in der kleinen Boddenstadt Barth, das zum Besitz derer von Alkun gehörte, mit Gottes Segen, List und Schalk und auch mit dem Schwert an der Spitze der Vertriebenen gegen den skrupellosen Vogt von Barth (gespielt von Frank Rebel) aufbegehrt. Zu diesem Zeitpunkt kommt auch Klaus von Alkun, der sich später Klaus Störtebeker nennt, aus der Fremde zurück. Er findet den Besitz der Eltern abgebrannt. Vater und Mutter sind erschlagen, so dass der Sohn ihnen nur noch die letzte Ehre am Grab erweisen kann. Klaus macht sich auf die Suche nach den Schuldigen und gewinnt den Freibeuterhaupt Goedecke Michels (gespielt von Dietmar Lahaine) zum Freund. Am Ende dieses Abenteuers zwischen Liebe, Leidenschaft, Gerechtigkeit und Hass landet Klaus Störtebeker zunächst am Strick, wird aber im letzten Moment noch gerettet. Wie sollte es auch anders sein, denn der Held und seine Likedeeler werden in der nächsten Folge gebraucht, um es den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. So lebt Klaus Störtebeker von Jahr zu Jahr in den Herzen der Menschen weiter. Wer bis zum 8. September nicht mehr zur Aufführung nach Ralswiek kommt, sollte sich schon die 16. Geschichte in den Kalender schreiben, die im kommenden Sommer über die Naturbühne am Jasmunder Bodden auf Rügen geht.

Ein Dankeschön an all, die Macher hinter der Bühne, das wir an dieser Stelle in Wort und Bild wieder von den Festspielen 2007 berichten können. Auf ein Neues dann 2008. Man sieht sich auf der größten und schönsten Insel Deutschlands.

Text: Klaus-Peter Kudruhs und Fotos: Wolfgang Groß

Zum wirklichen Hindergrund der Geschichten um Störtebeker und Kameraden

„Die erste Nennung Störtebekers im Wismarer Verfestigungsbuch im Jahr 1380 lässt den Schluss zu, dass er zu diesem Zeitpunkt kaum jünger als 20 Jahre, eher älter, gewesen sein kann. Das würde bedeuten, dass er bei seiner Hinrichtung, die wahrscheinlich am 21. Oktober 1400 erfolgte, mindestens 40 Jahre als gewesen ist. Über Goedeke Michels kann man in dieser Frage keine Aussage machen, da die Zeugnisse über ihn sich auf die Jahre 1394 bis 1401 beschränken. Welcher Herkunft waren beide? Adlig scheinen sie nicht gewesen zu sein. Sie gehörten, soviel ist gewiss, nicht zu den Vitalienbrüdern „der ersten Stunde“, die sich im Kern aus mecklenburgischen Adligen zusammensetzte, sondern vermutlich zu denen, die auf den Aufruf dieser Hauptleute im Jahr 1392, sich ihnen anzuschließen, reagiert haben. Bereits die Chronisten des 15. Jahrhunderts waren der Meinung, dass hier „viel loses Volk“ zusammengelaufen kam. Mit Sicherheit aber war bei den Vitalienbrüdern jeder willkommen, und der bisherige Lebenslauf spielte bei der Frage der Aufnahme sicher nur eine untergeordnete Rolle.

Vor dem Hintergrund der sozialen Situation der Hansestädte am Ende des 14. Jahrhunderts muss ein Aufruf, sich dem Kaperkrieg gegen Dänemark anzuschließen, eine große Faszination ausgeübt haben. In Scharen waren die Menschen im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts vom Land in die aufblühenden Städte in der Hoffnung auf ein besseres Schicksal, auf persönliche Freiheit und größeren Wohlstand geflohen. Diese Welle der Zuwanderung brachte den Städten zwar die dringend benötigten Arbeitskräfte, trug aber gleichzeitig auch zur Ausbildung eines besitzlosen und im Grunde auch rechtlosen Stadtproletariats bei, dessen Lebens- und Wohnverhältnisse oft elender waren als die der Tagelöhner auf dem Lande. Diese zahlenmäßig große Gruppe (in manchen Hansestädten machte sie rund 50 Prozent der Einwohnerschaft aus) stellte natürlich auch ein starkes Unruhepotential dar. Zunächst zu der Frage der Zusammensetzung der Vitalienbrüder. Das hohe Risiko, das sie bei ihren Kaperungen zwangsläufig eingehen mussten, scheuten gewiss nur diejenigen nicht, die vor einer aussichtslosen oder verzweifelten Situation standen. Allerdings sind „Aussichtslosigkeit“ bzw. „Verzweiflung“ außerordentlich zweifelhafte und dehnbare Begriffe, gerade wenn man sie auf vor rund 600 Jahren gültige Verhältnisse übertragen will.

Das Beispiel einzelner Hauptleute zeigt, dass sich nicht nur Besitzlose, sondern auch Vermögende den Vitalienbrüdern anschlossen und ihren Besitz in das Unternehmen „Kaperkrieg“ investierten. Die Schiffe, die Ausrüstung, die Verpflegung, auch die Bezahlung der Leute setzten eigenes Kapital voraus. Die soziale Zusammensetzung der Vitalenbrüder-Mannschaft kann nicht befriedigend geklärt werden. Als eine reine Vereinigung von „Outlaws“ sollte man sich sie aber nicht vorstellen. Dagegen sprechen zum einen die Herkunft vieler Hauptleute, zum anderen auch die große strategische Kraft und die lange Dauer ihrer Existenz. Die Vitalienbrüder fuhren in den damals gebräuchlichen Schiffen, d.h. in Koggen und Holzschiffen, mit jeweils 50 bis 100 Mann Besatzung. Sie werden über eine für die Zeit übliche Bewaffnung verfügt haben. Das heißt neben Hieb- und Stichwaffen, sowie Bootshaken, um gegnerische Schiffe an das eigene heranzuziehen und entern zu können, waren vermutlich auch schon Feuerwaffen an Bord, einfache kurze Geschützrohre als Vorderlader. Welche Waren erbeuteten die Vitalienbrüder, und wo setzten sie diese ab? Im Grunde wurde alles geraubt, was sich an Bord der gekaperten Schiffe befand. Die Belege sind zu spärlich, als dass man daraus die Vorliebe der Seeräuber für die eine oder andere Ware folgern könnte. Auch Menschen wurden, sofern sie nicht im Kampf ums Leben gekommen waren, als Beute angesehen, für die man Lösegeld fordern konnte. Den Absatzmarkt für die geraubten Waren fanden die Vitalienbrüder bei denen, die ihnen Aufnahme gewährten. Zwischen 1391 und 1395 waren dies Wismar und Rostock, später die ostfriesischen Häuptlinge und ihre Leute. Nicht völlig von der Hand zu weisen ist die Annahme, dass sie auch in einzelnen Hansestädten Waren absetzen konnten, nämlich in Bremen und Hamburg. Über die Menge der geraubten Waren und den dadurch entstandenen wirtschaftlichen Schaden kann auf Grund der dürftigen Quellenlage keine Aussage getroffen werden.

Man darf aber nicht übersehen, dass die Aktivitäten der Vitalienbrüder über Jahre hinweg Kaufleute veranlasst haben, ihre Schiffe gar nicht erst auslaufen zu lassen. Die damit einhergehenden Mangelerscheinungen und Teuerungen haben zumindest die Hanse, mit Sicherheit aber auch Dänemark, mehrere Jahre lang so hart getroffen, dass von einer schweren Beeinträchtigung des Handels in der betreffenden Zeit gesprochen werden kann. Die historische Bedeutung der Vitalienbrüder, denen Klaus Störtebeker und Goedeke Michels angehörten, im letzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts ist nicht zu unterschätzen. Im Rahmen des mecklenburgisch-dänischen Konflikts kam ihnen eine wichtige Rolle zu. Ob sie eine entscheidende Rolle für den Ausgang des Krieges spielten, scheint eher zweifelhaft zu sein, da sie an den Friedensverhandlungen der am Krieg beteiligten Parteien keinen Anteil hatten und ihre Interessen nicht nur unbeachtet blieben, sondern ihre Existenz für alle Beteiligten plötzlich ein Ärgernis darstellte. Mit den Vitalienbrüdern hat die Geschichte der Seeräuberei nicht angefangen und mit ihnen hat die Geschichte der Seeräuberei nicht aufgehört. Was sie aber heraushebt aus dieser Geschichte zu einer besonderen Erscheinung macht, ist ihre politische Wirksamkeit und verhältnismäßig lange Existenz.“

Aus dem Buch „Die Vitalienbrüder“ von Dr. Matthias Puhle / CAMPUS Verlag

 
 
Wenn Sie Interesse an einer persönlichen oder geschäftlichen Nutzung dieser Fotos haben,
nehmen Sie bitte zum Fotografen Wolfgang Groß Kontakt auf.
 
 
 
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